Habermas sprach zuerst. Seine Stimme klang klar genug, es gab keinen Zweifel, daß er gesprochen hatte, aber im Traum habe ich irgendwie nicht ganz erfaßt, was er sagte, noch in welcher Sprache er es gesagt hatte. Natürlich brauchte ich nicht zu wissen, in welcher Sprache er sprach, als er "Habermas" sagte. Nervös befürchtete ich, sie könnten annehmen, daß ich es auf Deutsch schaffe. Peter und William nickten im Hintergrund. "Ja", sagte ich unsicher aber ermutigend, und versuchte den Sinn meiner Replik zwischen Affirmation und Interrogation zu suspendieren. Habermas strahlte jetzt, freundlicher denn je. "Was ist daran komisch?" fragte ich, vorschnell, meine Stimme klang angestrengt und brüchig. "Komisch?" sagte er, jetzt deutlich genug auf Englisch, während sein Lächeln ein bißchen verblaßte, "warum glauben Sie, daß es komisch ist?" "Tu ich nicht", sagte ich, "ich dachte sie tun es." "Sie dachten ich tue was?" fragte er. "Ich dachte Sie dachten etwas wäre komisch", sagte ich unglücklich. "Was brachte Sie darauf?" fragte er. "Ich weiß nicht", sagte ich, "einfach die Art, wie Sie lächelten. Entschuldigung. Ich wollte nicht..." "Das ist kein Problem" sagte Habermas schnell, "vergessen Sie es. Ich habe nur versucht..." "Nein, nein" sagte ich, "tut mir wirklich leid. Ich wollte wirklich keine Probleme machen." "OK, OK" sagte er, "tun wir so als sei es nicht passiert." "Was?" fragte ich. "Tun wir so, als sei es nicht passiert", antwortete er. "Tun wir so, als sei was nicht passiert?" sagte ich. "Was gerade passiert ist", sagte er. "Was ist passiert?" fragte ich, "ich weiß gar nicht, was eigentlich passiert ist." "Es gab ein Mißverständnis", sagte er. "Oh", sagte ich. Eine unangenehme Pause entstand. Ich dachte ich könnte William im Hintergrund leise pfeifen hören. Das schwache, totschlägerartige Pochen, das ich hören konnte, war das Geräusch meines eigenen Herzschlags. Ich wünschte, ich wäre woanders.
"Vielleicht könnten wir... uns mal unterhalten", sagte ich vorsichtig. "Sicher", sagte er, "sicher." Eine kurze Pause verging. "Gleich jetzt, wenn Sie möchten. Wir können jetzt sprechen. Warum nicht?" Mein Mund war trocken vor Zweifel und Furcht. "Jetzt?" sagte ich. "Gleich jetzt?" "OK", krächzte ich, "warum nicht? Wir sind immerhin dafür, nicht wahr?" "Wofür?" fragte er. "Sprechen", sagte ich, "das ist es doch, wofür wir sind - reden. Lassen Sie uns reden." "Prima" sagt er. "Scheint eine wirklich ideale Situation zu sein", sagte ich bedeutungsvoll und versuchte, nicht zu grinsen. Ich wollte nicht unhöflich beginnen, indem ich mit offensichtlichen Dingen herausplatzte wie "Warum gründen Sie Ihre Derrida-Diskussion fast ausschließlich auf sekundären Qüllen? Oder, noch wichtiger, wie können Sie eine Bataille-Lektüre aufziehen, ohne auch nur zu erwähnen, daß er eine explizite Theorie der Kommunikation hat, die sich von der Ihren doch ziemlich unterscheidet?" Höflich sein. Vielleicht konnten wir später dazu kommen. Es gab eine Pause. "Schießen Sie los", sagte ich. "Schießen?" sagte er. "Ja, schießen Sie los!" sagte ich. "Meinen Sie das wirklich?" fragte er und sah mich prüfend an. "Natürlich nur metaphorisch", sagte ich und lachte ein bißchen zu laut; ich hatte plötzlich bemerkt, daß unter der Achsel von Peters Jackett ein Wolbung zu sehen war. "Aber ich dachte, ihr Leute glaubt nicht an die Unterscheidung zwischen wörtlicher und metaphorischer Bedeutung," sagte er. "Tun wir auch nicht", sagte ich, "oder nur ungefähr, anders als Sie: Sie glauben, es sei kinderleicht, zwischen einem wörtlichen und einem metaphorischen Sinn von Rationalität zu unterscheiden, nicht wahr?" "Also was soll das bedeuten, 'Schießen Sie los'?" fragte er und ignorierte meinen Verweis auf sein Magnum Opus. (2) Ich war ein bißchen verletzt. "Wir glauben eigentlich auch nicht an Bedeutung", sagte ich eingeschnappt. "Ich weiß", sagte er. "Wahrscheinlich werden Sie etwas über perfomativen Widerspruch sagen", sagte ich. "Ah-hah", sagte er. Schwer zu sagen, ob die Intonation ansteigend für "Ja" oder fallend für "Nein" war, fand ich. "Das habe ich schon gehört", sagte ich. "So?" fragte er. "Oh, ich bin ganz dafür, je mehr performativer Widerspruch desto besser", sagte ich und versuchte fröhlich zu klingen. "Das können Sie nicht echt meinen", sagte er. "Tu ich auch nicht", sagte ich, "nur ein Scherz... glaube ich." "Oh", sagte er. "Hahaha", sagte ich. "Hahaha" sagte er. "Nicht sehr lustig, oder?" sagte ich. "Nein, eigentlich nicht", sagte er. "Sorry", sagte ich. "Das ist in Ordnung", sagte er. "Aber was denken Sie wirklich darüber?" "Ich denke wirklich", hörte ich mich sagen, "wirklich und ehrlich - nein, das tue ich, das tue ich wirklich, das ist die Wahrheit, ich schwöre es - ich denke wirklich und ehrlich, daß es eine ursprüngliche und irreduzible quasi-transzendentale Dehiszenz gibt, die für jegliche Bedeutung konstitutiv ist, so daß jeder Sprechakt überhaupt in etwas befangen ist, was wie performativer Widerspruch aussieht, wenn man es von einem metaphysischen Blickwinkel wie dem Ihren sieht."
Jetzt war es draußen.
"Lassen Sie uns die Geltungsansprüche dessen, was Sie gerade gesagt haben, untersuchen" sagte er knapp.
Ein geschäftmäßiger Typ, dachte ich.
"Müssen wir das?" fragte ich schroff. "Es geht nicht darum, daß wir müssen", sagte er, "aber Sie können nicht verleugnen, daß in dem, was Sie gerade gesagt haben, verschiedene Geltungsansprüche implizit sind, und daß es ein Teil des Sinns, das zu sagen was Sie sagten, ist, daß diese Ansprüche aufgenommen und diskutiert werden können." "Natürlich", sagte ich, "aber lassen wir das." "Warum?" sagte er, "Sie müssen bereit sein, die Ansprüche dessen zu untersuchen, was Sie gerade gesagt haben - das ist in ihrem Sagen implizit." "Dann tun wir das zunächst", bat ich. "Was?" sagte er, ein bißchen ungeduldig, dachte ich. "Die Ansprüche sind nur in dem Sinn in dem, was ich gesagt habe, daß Bedeutung in einem Text ist, um gelesen zu werden, also setzt jeder Versuch, sie zu diskutieren oder ihre Geltung zu etablieren, Lektüre voraus. Lesen ermöglicht das Aufstellen von Geltungsansprüchen. Aber weil Lesen immer mehr ist als bloßes Dekodieren, kann es nie engültig festgehalten werden. Also können wir im Prinzip nie sicher sein, was genau die Ansprüche sind, auch wenn wir annehmen, daß das, was in dem gesagt wird, was ich sage, erschöpfend in Begriffen des Geltungsanspruchs gedacht werden kann."
"Aber das ist doch gerade, warum wir es diskutieren können müssen", sagte er. "Wir mögen tatsächlich nie übereinstimmen, aber Sie können nicht abstreiten, daß die Möglichkeit, daß wir eine nicht erzwungene Übereinstimmung erzielen, prinzipiell eingebaut ist in unser Sagen von irgendetwas. Eine Übereinstimmung zu erzielen, ohne von etwas anderem getrieben zu sein als der Kraft des besseren Arguments, ist immer noch die regulative Idee der Diskussion, gleich wie weit wir auch in der Tat davon entfernt sind, sie zu erzielen." "Aber es gibt nur Kommunikation in dem Maße, wie wir tatsächlich nicht übereinstimmen", sagte ich. "Das Ziel der Kommunikation, wie Sie sie formulieren, wäre das Ende der Kommunikation selbst. Also wenn wir kommunizieren möchten, müssen wir auch einander nicht ganz verstehen wollen." "Aber Sie wollen, daß ich dem zustimme", sagte er. "Nur ungefähr", sagte ich. "Was soll das bedeuten, nur ungefähr?" fragte er. "Also", sagte ich, "ich glaube nicht, daß Sie es ganz verstehen und damit einverstanden sein können, genausowenig wie ich es kann." "Aber das ist bloß irrational", sagte er, "das ist genau, was ich sagen will." "Es ist nicht bloß irrational", sagte ich, "obwohl es auch nicht bloß rational ist. Es ist so rational wie irrational, und seine Rationalität ist das Selbe wie seine Irrationalität." "Was soll das nun heißen?", sagte er. "Daß je näher man der regulativen Idee oder dem Ideal der Kommunikation kommt, man sich desto weiter von Kommunikation ist. In totaler Transparenz ist überhaupt nichts sichtbar. In totaler Kommunikation ist überhaupt nicht kommunikabel. Konsens ist das Ende des Versprechens eines Konsensus. Wenn wir in einer idealen Spechsituation wären, oder wenn wir Konsens rein durch die Kraft des besseren Arguments erreicht hätten, könnten wir dessen niemals sicher sein, und selbst wenn wir uns dessen sicher fühlten, könnten wir dieses Gefühl dem anderen nicht mitteilen, um mit ihm darüber übereinzustimmen, ohne ipso facto zu beweisen, daß die Situation gar nicht ideal war. Niemand spricht in der idealen Sprechsituation. Nichts wird gesagt. Schweigend wie das Grab. Wenn wir davon sprechen müssen, wozu uns unsere Sprechakte verpflichten, dann sollten wir wohl erkennen, daß sie uns in einer merkwürdigen Art dazu verpflichten, nicht einverstanden zu sein. Zum Dissens, wie Lyotard es, vielleicht etwas ungeschickt, am Ende des Postmodernen Wissens schreibt. Wenn das Ziel der Kommunikation das Ende der Kommunikation ist, so ist man dem Ende umso näher, je näher man ihrem Ziel kommt. Die Tatsache der Kommunikation bedeutet, daß Kommunikation nicht perfekt ist. Perfekte Kommunikation wäre immer Ex-Kommunikation. Die Vernunft kann ihre eigene Auflösung im Konsens nicht rational vorschreiben, und daher ist sie, sofern sie Konsens vorschreibt, im Bund mit dem Zwang, der immer verhindert, daß der Konsens rational ist. Ihre Appelle an die Vernunft und Konsens funktionieren in der Tat als Zwang, indem sie den nicht-rationalen 'Ursprung' der Rationalität oder den nicht-konsensüllen Grund des Konsens zu verleugnen suchen. Und dies ist tatsächlich bereits implizit, wenn Sie den aristotelischen Begriff der Rhetorik einen wichtigen Platz in ihrer Analyse der Argumentation einnehmen lassen, neben Dialektik und Logik. Eine andere Konseqünz dessen ist, daß je perfekter, je performativer ein Kommunikationssystem wird, es schon durch seine wachsende Perfektion desto offener ist für Kontamination und Zusammenbruch, so daß mehr seiner Ressourcen dem Schutz vor der notwendigen Möglichkeit der Infiltration und Infektion gewidmet werden müssen. ("Sie haben zu viel William Gibson gelesen", murmelte er.) Das soll nicht einfach heißen, daß Kommunikation umso besser ist, je weiter man von der Realisierung ihres Ziels ist, nur daß es jedesmal singulär geschieht, in der ungewissen Verhandlung dieser angespannten Singularität, jedesmal anders suspendiert zwischen Verständnis und Verwunderung, Übereinstimmung und Ablehnung, Konsens und Zwang - und daß diese jeweilige Singularität nicht teleologisch durch eine Idee des rationalen Konsensus organisiert werden kann, wie wichtig diese auch sein mag, singulär, hier und da, für das Verhandeln von und Widersetzen gegen Zwang und Ungerechtigkeit. Die Dispersion von Singularitäten in unvollkommener Kommunikation geht ganz logischerweise und rationalerweise dem voraus, was Sie noch immer teleologisch Intersubjektivität (3) , Konsens, Rationalität usw. nennen. Und sagen Sie nicht, daß dies bloß Philosophie sei und die Dinge im täglichen Leben anders : dies ist das tägliche Leben - und warum es täglich da ist. " (4)
Ich hatte zu viel geredet. Wieder. Hatte nicht zugehört. Hineingesteigert. Eigene Stimme. Plötzlich war die Szene anders und einsam. Der Traum verblaßte ins Tageslicht. "Hallo?" sagte ich aufwachend. "Hallo... Haben Sie das verstanden? ... Ist da jemand? ... Hallo? ... Lesen Sie mich? ... Lesen Sie mich? ... Ende..." Aber hier war ich, wach, der Traum ronn schnell in den Ausguß ins Unbewußte, ein paar Tropfen blieben für sekundäre Bearbeitung in letzter Minute und Sorge um die Bedingungen der Darstellbarkeit. Hatte ich ihn wirklich sagen hören, "Ich stimme absolut überein", gerade da, vor dem Schluß, nur um mich zu ärgern? Das Telephon läutete, und auf dem Boden neben dem Bett lag der Kafka-Band offen bei einer Geschichte, die "Der Nachbar" hieß. Am Telephon erinnerte mich William an die Verabredung für diesen Nachmittag. Würde ich wirklich in ernsthafter akademischer Gesellschaft so fabulieren?
Anmerkungen:
1: Anm. d. Übers.: "It's good to talk" ist der Werbeslogan einer Telephongesellschaft in Großbritannien. (Zurück)
2: "Verhaltensreaktionen eines durch innere oder äußere Stimuli gereizten Organismus, umweltinduzierte Zustandsäußerungen eines selbstgeregelten Systems lassen sich zwar als Quasihandlungen verstehen, nämlich so, als ob sich darin die Handlungsfähigkeit eines Subjekts äußerte. Aber von Rationalität sprechen wir hier nur in einem übertragenen Sinne. Denn die für rationale Äußerungen geforderte Begründungsfähigkeit bedeutet, daß das Subjekt, dem diese zugerechnet werden soll, unter geeigneten Umständen selbst in der Lage sein soll, Gründe anzuführen." Jürgen Habermas, *Theorie des kommunikativen Handelns* Band 1, Frankfurt: Suhrkamp 1981, S. 31. Man beachte die Vorschrift, das Subjekt müsse sich selbst verteidigen. (Zurück)
3: Habermas' Intersubjektivität ist immer noch ein subjektivistisches Konzept. Etwa: "Eine Behauptung darf nur dann rational genannt werden, wenn der Sprecher die Bedingungen erfüllt, die für die Erreichung des illokutionären Zieles notwendig sind, sich mit mindestens einem weiteren Kommunikationsteilnehmer zu verständigen", *Theorie des kommunikativen Handels* Band 1, S. 29. (Zurück)
4: Was die Unterscheidung zwischen Philosophie und täglichem Leben betrifft, vergleiche man die immens problematische Behauptung der *Theorie des kommunikativen Handelns*, Band 1, S. 39: "In der philosophischen Ethik gilt es keineswegs als ausgemacht, daß die mit Handlungsnormen verknüpften Geltungsansprüche, auf die sich Gebote oder Sollsätze stützen, in Analogie zu Wahrheitsansprüchen diskursiv eingelöst werden können. Aber im Alltag würde sich niemand auf moralische Argumentationen einlassen, der nicht intuitiv von der starken Voraussetzung ausginge, daß im Kreise der Betroffenen grundsätzlich ein begründeter Konsens erzielt werden kann." (Zurück)
Aus dem Englischen von Peter Krapp