Foreign Body Vol. 5

SPIRAL JETTY 1

(AMERICAN SECTOR)

FSK (Köln, "Underground", 18.8.94)

by Erhard Schüttpelz

1.

Unter dem Rhein in Köln "fand man sich in eine tropische Schwüle getaucht, Vorzeichen eines jener drückenden und feuchten Sommer, die den Schriftsteller zwingen, seinen Arm mit einem Frottierhandtuch zu umwickeln, damit der Schweiß nicht das Papier durchnäßt".

"Nicht weniger fühlte ich mich in frühere Zeitalter zurückversetzt, wenn ich mich jeden Morgen zur Arbeit in den 'Americana'-Saal der New York Public Library begab, den ich - unter neoklassischen Arkaden und zwischen Wänden mit alter Eichentäfelung - mit einem Indianer teilte, der einen Kopfschmuck aus Federn und perlenbesetzte Lederkleidung trug, wenn er seine Notizen auch mit einem Füller Marke Parker machte..." (Claude Lévi-Strauss, "New York - post- und präfigurativ", in: ders., Der Blick aus der Ferne, München 1985, 374-385, hier: 374; 385)

Der Ethnologe geht in die Bibliothek, um Bücher über Indianer zu lesen. Dort stößt er auf einen Doppelgänger: einen Indianer, der aus seinen Büchern gestiegen ist, und nun seinerseits liest. Was? Versucht der Indianer im 'Americana'-Saal der New York Public Library in 'seiner Geschichte' zu lesen? Oder in der Geschichte 'seines Volkes'? Seiner (beider) 'Vorgeschichte'? Es scheint nahezuliegen, doch die Antwort fehlt; es gibt viele amerikanische Völker, und viele Geschichten. Sicher, Lévi-Strauss spielt mit dem Gedanken, und mit seinem Leser: die Nachfahren setzen sich in die Archive der Ethnologen, unsere Archive, und lesen unsere Bücher (so wie man während einer Weltmeisterschaft von "uns" spricht) - doch er spricht ihn und uns nicht aus. (Der frottierte Arm verhindert, daß der Schweiß das Papier durchnäßt.) Überliefert wird nur der Kontrast: der Indianer liest mit perlenbesetzter Lederkleidung und einem Kopfschmuck aus Federn, doch das Gelesene schreibt er mit einem Füller Marke Parker. Überliefert werden außerdem drei Punkte, die Gedanken, die der Leser des indianischen Lesers sich dazudenken kann: "..." - In diesen drei Punkten wird alles Platz finden, was ich dazuschreiben kann, unter neoklassischen Arkaden und zwischen Wänden mit alter Eichentäfelung.

Auch Ich In Arkaden?
Der sprechende Grabstein: Ich, der Tod. Die traurige Trope Metonymie. ("Für weitere 85 Jhre lebten die dort ansässigen Manahatta-Indianer vom Stamm der Lenni-Lenape in Ruhe und Frieden, bis ein gewisser Henry Hudson [...] hier [am Hudson River] mit seiner 'Half Moon' vor Anker ging." Werner W. Wille, New York. Reinbek 1990: 18) Geboren: die Erinnerung und ihre Neologismen. Ikono-, Philo- und Ethnographie.
Es ist die Frage.

2.

Man kann dem Indianer folgen, aus den Büchern zurück ins Feld, auf dem die Heilpflanzen gesammelt werden, ins Feld und in die Grenzstadt. Er kam mit einem Bus.

"Im Sommer 1960 machte ich als Anthropologiestudent an der University of California in Los Angeles mehrere Fahrten in den Südwesten, um Informationen über Heilpflanzen zu sammeln, die von den Indianern dieses Gebietes gebraucht werden. Die Ereignisse, die ich hier beschreibe, begannen auf einer meiner Fahrten. Ich wartete in einer Grenzstadt auf einen Greyhoundbus und unterhielt mich mit einem Freund, der mein Führer und Helfer bei den Nachforschungen gewesen war. Plötzlich beugte er sich zu mir herüber und flüsterte, daß der Mann, der vor dem Fenster saß, ein weißhaariger alter Indianer, sehr viel über Pflanzen wisse, insbesondere über Peyote. Ich bat meinen Freund, mich diesem Mann vorzustellen.
Mein Freund grüßte ihn, ging dann zu ihm hinüber und gab ihm die Hand. Nachdem sie eine Weile gesprochen hatten, winkte mein Freund mich herbei, ließ mich dann aber sofort mit dem alten Mann allein, obwohl er uns nicht einmal bekannt gemacht hatte. Der Indianer war nicht im geringsten verlegen. Ich nannte ihm meinen Namen, und er sagte, daß er Juan heiße und mir zur Verfügung stehe. Er benutzte die förmliche spanische Anrede. Ich gab ihm zuerst die Hand, und dann schwiegen wir einige Zeit." (Carlos Castaneda, Die Lehren des Don Juan, Ffm 1973: 11)

Was folgt, ist immer schon geschehen, und wird immer wieder geschehen. Und damit meine ich nicht die Beegegnung - wer wüßte sie noch zu erzählen, der sie mitgemacht hat - sondern das Geständnis. Wie alles anfing, wie blöde man war - das Geständnis des Anfangs, die Bushaltestelle in der Grenzstadt, an der ich in meine Feldforschung einsteigen konnte: "Obwohl ich in Wirklichkeit fast nichts über Peyote wußte, ertappte ich mich dabei, wie ich so tat, als wüßte ich eine Menge. Ich deutete sogar an, daß er davon profitieren könnte. Während ich so drauflos redete, nickte er langsam und sah mich an, sagte aber nichts. Ich mied seine Augen, und es endete damit, daß wir in völligem Schweigen dastanden. Schließlich, es schien eine lange Zeit vergangen, stand Don Juan auf und sah aus dem Fenster. Sein Bus war gekommen. Er sagte auf Wiedersehen und verließ die Busstation. Ich ärgerte mich über den Unsinn, den ich ihm erzählt hatte". (Ebda.)

Das Geständnis des Anfangs, des peinlichen Anfangs, gehört zur Initiation dazu. Die Situation ist geklärt, die Rollen sind verteilt: der eine schweigt und schaut in die Augen, der andere redet drauflos und traut sich nicht. Dann fährt der Bus ab, und der Ärger bleibt. Später wird es anders sein, das Bild bleibt: Don Juan hat sein Schweigen gebrochen, der Ethnologe (oder, wie er sich jetzt sieht, und wie ihn seine Kollegen sehen: Ex-Ethnologe, Ex-Kollege) schweigt und fragt, schaut seinen Informanten an, und schaut selbst. Traut seinen Augen, traut seinen Augen nicht. Sagt seinem Leser: Trau, schau wem. Aus dem Schweigen des einen und dem Drauflosreden des anderen, aus dem festen Blick des einen und dem abgewandten Blick des anderen ist jetzt Schreiben geworden: Castaneda, Autor seines Informanten, Autor des Indianers. "Ich begann meine Lehrzeit bei Don Juan im Juni 1961. Vor dieser Zeit hatte ich ihn zu verschiedenen Gelegenheiten gesehen, aber immer als anthropologischer Beobachter. Während dieser Gespräche machte ich heimlich Notizen. Später rekonstruierte ich aus dem Gedächtnis das gesamte Gespräch. Als ich jedoch als Lernender begann, wurde diese Art des Aufzeichnens sehr schwierig, denn unsere Gespräche berührten viele verschiedene Themen. Dann erlaubte mir Don Juan nach heftigem Widerstreben jedoch, alles, was gesagt wurde, offen aufzuzeichnen. Ich hätte auch gerne Photos und Tonbandaufzeichnungen gemacht, aber das wollte er mir nicht erlauben." (Ebda. 15)

Das Schreiben hat die Szene an der Bushaltestelle zu einem glücklichen Ende gebracht, zu einer glücklichen Hand: dieses neue Schreiben ist ein Blick, der in die Augen geht, ein Drauflosreden ohne Ende, ein Schweigen, hinter dem sich Geheimnisse verbergen, ein berechtigtes Mißtrauen, das keine Antwort gibt, nur Vertrauen schenkt. Ein Ethnologe ist verloren gegangen, aber auch Don Juan, der zuverlässige Informant. Die erste Verlegenheit war ein Befehl: Trust Me. Er produzierte eine Wahrheit, deren Verfallsdatum nicht mehr gelesen werden kann: GOING NATIVE Alpha &...(Schrift verwischt), die an einer Bushaltestelle in der Grenzstadt begann, und mit weiteren Don-Juan-Büchern in eine ausgedehnte Serienproduktion geht.
Die entstehende Endlosschleife -- eine Schlange, deren Windungen sich banderolenartig durch den Himmel ziehen -- hat folgende Form (call me Don Juan):

"Das Begriffssystem

Der Schüler
Die trügerische Annahme des Begriffssystems
Die echte Annahme des Begriffssystems
Die Wirklichkeit des speziellen Konsenses
Die Wirklichkeit des speziellen Konsenses hatte pragmatischen Wert" (Ebda. 214)
3.

Wie kommt man von der Bushaltestelle in der Grenzstadt wieder zurück in die Bibliothek? Mit dem selben Bus, indem man den Busfahrplan liest.

"Dieses Buch geht auf ein Erlebnis im Sommer 1963 in der Greyhound-Station von Albuquerque zurück. Nachdem ich den ganzen Tag in den Felsenhöhlen von Puyé herumgeklettert war, lernte ich zufällig einen Yerbatero der Tewa-Indianer kennen, der sich eben von der Theke einen Kaffee geholt hatte. Wir unterhielten uns einige Zeit über Belanglosigkeiten, bis ich ihn schließlich fragte, ob er mir helfen könne, eine Familie in einem der Pueblos nördlich von Santa Fé zu finden, die mich für ein paar Monate aufnehmen würde, denn ich wollte einiges über die nächtlichen Tänze in den unterirdischen Kivas erfahren. Ich sagte dies weniger deshalb, weil es der Wahrheit entsprochen hätte, sondern weil ich im Augenblick, als ich den Indianer kennenlernte, an den Klapperschlangentanz der Hopi gedacht hatte, vermutlich weil am Mittag eine Klapperschlange etwa eine Handbreit von mir entfernt in eine der Höhlen gekrochen war. (Als sie mich sah, fing sie nicht einmal an zu klappern - wohl ein Omen, aber damals gab es ja die Bücher Castanedas noch nicht.) Der Indianer sah mich eine Weile an, dann lächelte er und sagte, der geeignetste Ort in einem Pueblo, an dem ich etwas über die Kiva-Tänze erfahren könne, sei für mich sicherlich die University of Southern California im Dorf Unserer Herrin, der Königin der Engel (El pueblo de Nuestra Senora la Reina de Los Angeles).
Seine Antwort stieß mich unmittelbar vor den Kopf und verletzte auf erhebliche Weise meine Eitelkeit. Ich hatte mich ihm, davon war ich überzeugt, in keiner Weise herablassend genähert, hatte ihm nicht den Kopf mit irgendwelchen Klügeleien vollgeredet, und ich hatte ihm auch gesagt, daß ich, obwohl ich Ethnologie studiere, ein großes Interesse an der Lebensform fremder Völker habe. Ich bin mir nicht sicher, ob es aus gekränktem Stolz war, jedenfalls nahm ich noch in derselben Nacht einen Greyhound, der in Richtung Arizona fuhr, und so kam es, daß dieses Buch weniger auf Erfahrungen zurückgeht, die ich in den Kivas, am 'Nabel der Welt' gemacht hätte, als auf das, was mir in den Bibliotheken von Los Angeles und anderen unglücklichen Orten widerfahren ist." (Hans-Peter Dürr, Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation, Ffm. 1984, Vorwort)

Zu diesem Text gäbe es eine Menge zu sagen. Eigentlich genügt aber auch ein "Hört, hört!", das man hinter jeden Satz und hinter fast jedes Komma einfügen kann, um die Große Glocke zum Läuten (die Klapperschlange zum Klappern) zu bringen. Ich beschränke mich zur Demonstration auf die eine Formulierung: "ich sagte dies weniger deshalb, weil es der Wahrheit entsprochen hätte" (Hört, hört!) - Wer sagt mir, ob du jetzt die Wahrheit sagst? Hypocrite Auteur!

Was hat der Leser in der Hand? Nur noch die Einlösung der Gattungskonvention "Geständnis des Anfangs"; der Ethnologe spielt Kreter unter Geständniszwang ("obwohl ich Ethnologie studiere"), einen Dürr gewordenen Rousseau. Die parodistische Form dieses Bucheingangs löst sich durch die "Hört, hört!"-Probe weitgehend wieder auf (zergeht auf der Zunge). Außer Nebengeräuschen und Nachgeschmack bleibt nur der Plot übrig, der Gründungsmythos der Traumzeit: mein Erlebnis an der gleichen Bushaltestelle drei Jahre später, ich habe Carlos Castaneda gelesen, mein Don Juan (sein Name war Leporello) hat mich auf Spanisch in die Bibliothek von L.A. und nach Europa zurückgeschickt, von Castanedas Peyotevisionen zu L. Mejer, "Hexentum und Stechapfel", Jahresberichte der Naturhistorischen Gesellschaft zu Hannover 1894, S. 30. (Vgl. hierzu Dürr, S. 232, Anm. 18) Er war ein zuverlässiger Informant.

Das System hat sich geschlossen.
Die Bibliothek schickt mich ins Feld, an die Bushaltestelle zum Nabel der Welt, der Informant an der Bushaltestelle schickt mich zurück in die Höhle (die Klapperschlange verschwindet in die Bibliothek, aus der ich den Klapperschlangentanz der Hopi kenne), und in der Bibliothek sitzt bereits - eine Handbreit von mir entfernt - jemand mit einem Kopfschmuck aus Federn und perlenbesetzter Lederkleidung und liest und schreibt (Marke Dauerparker): "Ick bün all dor!" Die Busfahrt hat sich gelohnt. Ich bin schon da. Der Ethnograph und Autor seines Indianers häutet sich zum Philologen: GOING NATIVE...Die Zweite. (Beta.)
Der Rest ist Schreiben.

4.

Es gab eine Zeit in Mitteleuropa, zwischen neoklassischen Wäldern mit alter Eichentäfelung, seit der Schreiben einen Wunsch, Indianer zu werden, einschließt. Der Indianer, das war der erste Autor der Original-Werke, der Informant der "Original Composition".

"Ueberdieß lesen wir Nachahmungen fast eben so schläfrig, als wir eine Erzählung anhören, die zum zweyten Mal erzählet wird. Bey einem Originale wird unser Geist erweckt; dieß ist ein wirklicher Fremdling, und alle drängen sich hinzu, einige Neuigkeiten aus einem fremden Lande zu erfahren; und ob es wohl nur mit einigen Federn geputzt, gleich einem Indianischen Prinzen, ankömmt, ohne viel wichtiges mit zu bringen; so wird es doch unsere Aufmerksamkeit von einem gründlichen Werke, wenn es nicht eben so neu ist, abziehen." (Edward Young, Gedanken über die Original=Werke, übs. H.E.v. Teubern, Leipzig 1760; repr. Heidelberg 1977, 17f.)

Die perlenbesetzte Lederkleidung fehlt (auch das Frottierhandtuch), die Schreibutensilien sind erwähnt: kein Füller, sondern Federn. Fremde Federn...für das Eigenste. Wie wird man zum wirklichen Fremdling, wie wird man zum Indianischen Prinzen, um den sich alle drängen? Man kann Schritt für Schritt vorgehen, "ohne viel wichtiges mit zu bringen". Nicht die Fülle der Information ist das wichtigste, sondern daß man sich als Informant zu fühlen beginnt: Informant des Autors/Personalunion mit dem Fremdling. Ein guter Anfang ist die Erkenntnis, daß man bereits ein Fremdling ist: "Weil es also gewiß ist, daß Menschen in ihren eigenen Fähigkeiten oft Fremdlinge sind" --
Daß man daher zu leicht seine Identität als Prinz vergißt - "und eben, weil sie ohne rechtmäßige Ursache zu klein von sich denken, bald einen Namen, vielleicht einen unsterblichen Namen, verlieren können" --
Und daß man (immer, jederzeit) in einer Zeit lebt, wo das Wünschen noch geholfen hat: "so wünschte ich einige Mittel zu finden, um diesem Uebel zuvor zukommen." Das ist die Aufgabe des Fremdlings: seinen Namen, vielleicht einen unsterblichen Namen, nicht zu verlieren, und dies sind die ersten zwei Mittel seines Wunsches:

"Fürs Erste. Erkenne dich selbst. Man kann von uns sagen, was Martial von einem schlimmen Nachbarn sagt: Es ist uns nichts so nah, und nichts so fern von uns.
Forsche also tief in deiner Brust, lerne die Tiefe, den Umfang, den Hang und die ganze Stärke deiner Seele kennen; stifte eine Vertraulichkeit mit dem Fremdlinge, der in dir ist; errege und unterhalte ieden Funken des Lichts und der Wärme deines Verstandes, wenn auch dieser Funken unter der vorigen Nachläßigkeit fast ersticket, oder unter die plumpe dunkle gemeine Masse gemeiner Gedanken zerstreut wäre; sammle dieses Licht in ein Ganzes, und laß dein genie sich erheben, (wenn du Genie hast) wie die Sonne aus dem Chaos; und wenn ich denn zu dir, gleich einem Indianer, sagte, bete es an, (ob dieß gleich zu verwegen wäre) so würde ich doch nicht viel mehr sagen, als was meine zweyte Regel befiehlt, nemlich: Habe für dich selbst Ehrfurcht." (ebda., 47f).

5.

Der Indianer erscheint Young ein zweites Mal, gleich einem Leser: wenn ich denn zu dir sagte... Es ist eine vertrackte Stelle (man beachte nur die eingewobene Longinus-Anspielung: über De Sublim. zur Gen., über einen antiken Heiden, der die hebräische Bibel liest, unter christlicher Relektüre zum indianischen Sonnengott. Der Weg nach Amerika/der Weg zur Autorschaft), auch weil sie im Konjunktiv steht. Sie hat vermutlich Angst vor schlimmen Nachbarn (Nil tam prope, proculque nobis): der Selbstvergottung, der heidnischen Hybris = der Zensur, dem christlichen Tabu. Animismus plus Selbstanbetung, selbst als Trope und Allotopie: als Allotropie - diese Regel wäre zuviel. Und sie verliert ihre Angst, indem sie eine 'zweyte Regel' für die Selbstanbetung bereitstellt, eine Übersetzungsregel, die Indikativ und Imperativ wiederherstellt, doch ohne ihren Indianer nicht viel zu sagen hätte.

Der Konjunktiv der zweyten Regel hat Vorläufer.
Die Antike, und zumal die griechische, ist Vorläufer des Indianers im Konjunktiv, des Lesers, zu dem man "gleich einem Indianer" sagen würde: bete es an, der zum Original, zum Indianischen Prinzen werden kann, wenn er die Neue Regelpoetik: die Regelpoetik des Neuen beherrscht, ihre Übersetzungen und Einklammerungen. ('Betaregeln'.) Und der andere Vorläufer ist Amerika, der Ort des Neuen, des Wissenschaftlers, des ersten Originalgenies. (Bevor die Dichter Genies wurden.) Der Konjunktiv stammt aus der Antike (A.), das Original-Genie (zumindest halb) aus der Naturwissenschaft (B.), und der Wunsch, Indianer zu werden, aus Amerika (C.).

Eine Handbreit weiter läßt sich folgendes nachlesen: A. Die englische Imago des Naturforschers im 17. Jh., "eine charismatische Gestalt mit heroischen Zügen und einer anti-autoritären Haltung" (Bernhard Fabian, Der Naturwissenschaftler als Originalgenie, Fschr H. Dieckmann, München 1967, 47-68, ebda.:60), der neue Autor und Entdecker, und Entdecker der "discovery". "Nachdem der Naturwissenschaftler als 'inventor et author novarum artium' auf solche Weise von Bacon zum Nachfolger antiker Gottheiten designiert war, gehörte es zu den fast selbstverständlichen Manifestationen der Wissenschaftsbewegung im siebzehnten Jahrhundert, daß man die Apotheose als angemessene Form der Anerkennung für die originale geistige Leistung erwartete. Mehr als einmal wurden nach der Jahrhundertmitte epochale Erkenntnisse mit dem Hinweis ins rechte Licht gerückt, daß ein Forscher, hätte er in der Antike gelebt, deifiziert worden wäre." (ebda., 61) Hierher der Konjunktiv, in dem der Indianer steht: aus der Alten in die Neue Welt, vom einen Heidentum (über X) ins andere (und U), Allotopie = Allochronie.

B. "Im Naturwissenschaftler verfügte das späte siebzehnte Jahrhundert bereits über einen idealtypischen Entwurf, der wie das Originalgenie auf das Grundkriterium der [vorläuferlosen] geistigen Leistung und der damit verbundenen Voraussetzungen abgestellt war und in der Hierarchie der Leitbilder an oberster Stelle stand. Das Originalgenie läßt sich damit nicht mehr als 'originales' Phänomen betrachten." Dieser letzte Satz gefällt mir mehr als alles andere, denn er manifestiert eine typische philologische Figur: den Nachweis der Nicht-Originalität des Originals - "es ist wohl unumgänglich, die Ausbildung des Geniebegriffs als zweite Phase eines umfassenderen Prozesses zu betrachten." (ebda., 66)

Und außerdem bringt er den Autor nach Amerika zurück, auch in den 'Americana'-Saal mit seinen Arkaden und Federn: C. "That all Arts, and Professions are capable of maturer improvements; cannot be doubted by those, who know the least of any. And that there is an America of secrets, and unknown Peru of Nature, whose discovery would richly advance them, is more then conjecture. Now while we either sayl by the Land of gross and vulgar Doctrines, or direct our Enquiries, by the Cynosure of meer abstract notions; we are not likely to reach the Treasures on the other side of the Atlantick" (Joseph Glanvill, 1661). (A.B.C.) "Das jede derartige Gedankenbildung bestimmende Ereignis war die columbianische Entdeckung Amerikas. Sie wurde zum Urbild und zur Urform der Entdeckung, an der sich das Selbstverständnis der Wissenschaftsbewegung ausbildete" (ebda., 50) -- und aus dem Youngs Indianischer Prinz (ohne viel wichtiges) und sein Leser (gleich einem Indianer) nach Europa kamen.

6.

Europa/Amerika, die Schleife mit einer Oberfläche. To cut a long story short: Bevor die Europäer kamen, gab es in Amerika keine Pferde (und, leichter zu vergessen: keine Indianer). Bevor es Amerika gab, gab es in Europa keine Original-Werke. Vielleicht ist das der Grund für folgende Geschichte: "Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf." (Franz Kafka, "Wunsch, Indianer zu werden", aus: Betrachtung, 1913. Zit. nach: Sämtliche Erzählungen, Ffm. 1970, 18f.)

Eben noch saß er neben mir.


P.S. [...]



© Erhard Schüttpelz, 1994 (1996).


Foreign Body vol. 5. Editorial correspondence to Peter Krapp