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Super-Jetties Some Statements and Truisms about Neologisms, Newisms, Postisms, Parasitisms, and Other Small Seismisms -Daß die deutsche Übersetzung dieses relativ kurzen Vortrags von Jacques Derrida in Buchform erscheint, ist ebenso angemessen wie die Entscheidung des Merve-Verlags, seine notorische Zurückhaltung in Sachen Dekonstruktion mit diesem Buch erstmals aufzugeben.[1] Im deutschen Kontext komplettiert es eine intellektuelle Situation, die anzuerkennen Voraussetzung des kritischen Diskurses ist. Entgegen den Theorieermüdungs-Diagnosen der Neo-Historisten ist jedem kritischen Einsatz eine Theoriereferenz eingeschrieben, Sachbezug nicht als solcher zu haben, sondern als konstruktive Leistung zu verstehen. Die re- oder dekonstruierende Reflexion auf entsprechende Konstruktivität gehört daher zu den unabdingbaren (wenn man so sagen kann:) Entnaivizierungsstandards. Solche Standards der Re- und Dekonstruktion werden vorrangig im Kontext hierauf spezialisierter Paradigmata betreut. Systemtheorie zum Beispiel spricht bezogen auf die geforderte Reflexivität von "Supertheorien"[2] und meint die eigene Theorie mit, welche den Vergleich von Vergleichen gestattet. Und analog läßt sich mit Derridas Some Statements nunmehr von "jetties"[3] sprechen -und damit die Dekonstruktion auf spezifische Weise mitbezeichnen, welche die Lektüre von Lektüren ermöglicht. Jetties? Supertheorien? Die Termini sind als technische zu verstehen: Sie bezeichnen einen Theorietypus, der den Anspruch anmeldet, Begriffe und Theorien umfassend zu integrieren. Es geht jeweils darum, entgegen aller Unwahrscheinlichkeit so etwas wie Einheiten intellektueller Annahmen und Verfahrensweisen zu formieren, einen -jedenfalls für ihren jeweiligen Gegenstandsbereich -universell anwendbaren und konsistenten Apparat von Begriffen und/oder Verfahren zur Verfügung zu stellen. Doch muß man sofort einschränken, daß solche Aussagen nur mit Vorsicht zu treffen sind; denn man hat es hier gleichsam mit Theorie-Individuen zu tun -'Individuen' im starken Sinn: Wesen, die man mit verallgemeinernden Aussagen immer schon verfehlt. Sie erstellen selbst die Regeln, sie verdanken sich selbst erst die Kriterien, anhand derer sie zu beurteilen wären. Das macht den Umgang mit ihnen kompliziert, spannend und gelegentlich ärgerlich -in manchem dem Umgang mit Kunstwerken vergleichbar. Und wie bei diesen, so auch hier: Es ist gut, daß es nicht nur ein einziges Exemplar, sondern mehrere gibt, geben muß. Es handelt sich um Theorien, welche intern Schemata vorsehen, die es ihnen gestatten, andere -andere Jetties, andere Supertheorien inklusive -zu reformulieren, sie in sich aufzunehmen, kritisch wiederzugeben und abzulehnen; ihnen womöglich ein begrenztes Recht einzuräumen, ihnen einen Platz anzuweisen, ihr Vorkommen und ihren Erfolg zu erklären. "[Jedes Jetty], weit davon entfernt, als Teil in einem Ganzen enthalten zu sein, [ist] nur in dem Maß [theoretisches Jetty], in dem [es] beansprucht, sich selbst zu enthalten, indem es alle anderen enthält, das heißt, indem [es] sie überbordet, sie überschreitet, sie in sich einschreibt."[4] Polemik hat hier nicht die Form eines reinen Antagonismus, sondern der Inkorporation und des Parasitismus. Supertheorien, Jetties sind gefräßige Monstren, mit gutem Magen.[5] Sie schenken sich nichts -oder vielmehr: fast nichts. Sie fühlen sich wohl untereinander, pflegen ungesellige Geselligkeit (süffisante Konversation, Feindesliebe), beäugen, beargwöhnen sich. Es ist ein Zugleich von Abweisung und Einverleibung: Sie bringen sich auf den je eigenen Monitor -nicht selten in unendlicher Verkleinerung. Sie geben sich Namen. Was für die Systemtheorie eine Supertheorie, heißt für die Dekonstruktion ein Jetty. Was eine Supertheorie sein will, darf, dem Systemtheoretiker zufolge, nicht so unordentlich verfahren wie die Dekonstruktion, die er deshalb "Dekonstruktivismus" nennt; hingegen stellt, dem Dekonstrukteur zufolge, eine "dekonstruktivistische Supertheorie"[6] gerade kein akzeptables Jetty dar. Die als Supertheorie ausgearbeitete und beschriebene Systemtheorie hat sehr lange den Marxismus als einziges ernstzunehmendes Gegenüber akzeptiert. So heruntergekommen, unterkomplex er auch sei -immerhin biete er totalisierende Strategien, immerhin könne er, wenn auch nur auf dem Wege ideologiekritischer Historisierung, Positionen des Gegners auf spezifische, theorieeigene Weise reformulieren; immerhin beweise er, wenigstens in seinen Neo-Filiationen, eine gewisse Fähigkeit zu notwendigen 'Umbauten'. Genau darauf kommt es an; an erster Stelle ist Flexibilität erfordert. Supertheorien -Jetties -befinden sich in einem beständigen Umwälzungsprozeß, der auch das Auswechseln der eigenen 'Grundlagen' mitbetrifft. Alternativvorschläge sind nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Jetties -Supertheorien -bestehen auf gar nichts, sie stellen sich umfassend zur Disposition; alles kann geändert werden -unter der Bedingung, daß sich nicht alles auf einmal ändern läßt (ein plausibles Minimum an Dogmatik). Eben diese undogmatische Verfassung scheint sie von theologischen Systemen zu unterscheiden, mit denen sie im übrigen einiges teilen, deren Totalitätsanspruch sie insbesondere beerben. Weil es Theorien sind, die in sich selber -als einer ihrer Gegenstände -vorkommen, müssen sie mit den dann gewöhnlich anfallenden Paradoxa zurechtkommen, und sie führen in aller Nonchalance vor, wie man nicht trotz, sondern gerade auf Basis solcher Paradoxien weiterkommt. Allerdings ist einzuräumen, daß diese Beschreibung einen idealisierenden Aspekt hat, da sie tatsächlichen Erfahrungen mit supertheoretischen Argumenten widerspricht. Wer kennt sie nicht, etwa die systemtheoretischen Differenzierungsargumente, die uns in unendlicher Redundanz erklären, daß Kunst nichts mit Moral, Politik oder Didaktik zu schaffen habe, psychische Befindlichkeiten inkommunikabel bleiben, Komplexitäten reduziert werden müssen? Oder die ermüdenden Hinweise auf prinzipielle Unentscheidbarkeit, auf unhintergehbare Figuralität, die Rhetorik des Randes und unverfügbaren Rests? -Gegenläufig zu ihrer programmatischen Verfassung, entgegen den Versprechen eines durchgeführten Relativismus scheint in diesen elaborierten theoretischen Komplexen jene Tendenz zur Selbstgenügsamkeit wirksam zu sein, über die Barthes gesagt hat: "Pour que ces systèmes parlés cessent d'affoler ou d'incommoder, il n'y a pas d'autre moyen que d'habiter l'un d'eux."[7] Kein anderes Mittel? Unwiderstehlich unausstehlich? Es gehört zu den Stärken von Derridas Statements, daß sie hierauf reagieren und das Problem ernstnehmen. Die Reaktion hat selbst die Form einer einverleibenden Platzanweisung: Derrida nimmt das Wort vom "Dekonstruktivismus" -als polemische Bezeichnung von Opponenten des dekonstruktiven Jettys geprägt und verwendet -auf und baut es in eine Differenz ein, welche am eigenen Unternehmen nunmehr zwei verschiedene Jetties zu unterscheiden erlaubt: Dekonstruktivismus versus Dekonstruktion, statisch versus destabilisierend. Daran, daß diese Unterscheidung nicht einfach durchzuführen ist (im Stil von: Ismus, das sind die anderen), bleibt kein Zweifel: "Es versteht sich von selbst, daß der gegenwärtige Vortrag [also Einige Statements selber, G.S.] fast zur Gänze dem statischen oder statuierenden Typus von Dekonstruktion angehört."[8] Sich umstandslos auf der Seite der Dekonstruktion anzusiedeln, verfehlt das dekonstruktive Jetty und errichtet statt dessen das dekonstruktivistische. Angesichts dieser höchst eleganten Konstruktion ist man versucht, Systemtheoretikern zu raten, sich etwas funktional Äquivalentes zuzulegen. Wie realisiert und erhält sich aber jene destabilisierende oder 'erschütternde' Qualität, die den Namen eines dekonstruktiven Unternehmens tatsächlich verdient? Eine der in diesem kleinen Buch zu lesenden Antworten besteht im Ansatz einer Theorie des Zitierens. Ihre "Generalisierung der Anführungszeichen"[9] macht die Dekonstruktion auf dem Feld der kannibalischen Konversation unter den Super-Jetties besonders aufschlußreich und gibt ihr ihre irritierende Kraft. Kleine Ursache, große Wirkung: Diese Generalisierung setzt nämlich auch und gerade Begriffe in Anführungsstriche und verwandelt damit jene Elemente, welche zwischen den Jetties zirkulieren, von ihnen angeeignet und wiedergegeben werden, in immer erst noch und wieder zu lesende und zu kommentierende Texte. Das verletzt oder relativiert doch einen Usus des theoretischen Diskurses: Es klammert die Verfahrensregel der philosophischen Paraphrase (der möglichst bruchlosen Übersetzung und Introjektion) ein. Man könnte geradezu sagen (paraphrasieren): Daß das dekonstruktive Jetty, indem es statt dessen den Akzent auf das Zitat legt, sich durch die Einführung eines spezifisch philologischen Elements in den theoretischen Diskurs konstituiert. An die Stelle der Einheit einer paraphrasierend-verdauenden Substitution tritt die Differenz von zeigendem Zitat und Kommentar. Georg Stanitzek [1] Jacques Derrida, Einige Statements und Binsenweisheiten über Neologismen, New-Ismen, Post-Ismen, Parasitismen und andere kleine Seismen, übers. v. Susanne Lüdemann, Berlin: Merve 1997; der Text wurde, übersetzt von Anne Tomiche, zuerst publiziert in: David Carroll (Hg.), The States of Theory, New York: Columbia University Press 1989, S. 3694; er lag einem kalifornischen Vortrag von 1987 zugrunde. [2] Ein nicht zufällig im Kontext von ethischen Fragen besonders prägnant ausgearbeitetes Konzept: Niklas Luhmann, Soziologie der Moral, in: ders./Stephan H. Pfürtner (Hg.), Theorietechnik und Moral, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1978, S. 8116, insb. S. 10ff. [3] Warum das wunderbare "jetty" -frz. "la jetée" von der deutschen Übersetzung in "Entwurf" zurück-existentialisiert wird, ist nicht leicht nachzuvollziehen; im folgenden wird das der amerikanischen Fassung entstammende Wort beibehalten. Derrida verwendet es in zwei Bedeutungen: "einerseits die Kraft der Bewegung, die etwas wirft oder sich selbst wirft (jette ou se jette) [Š]; andererseits ihre institutionelle und projektive Versteinerung, die mit dem Landungspier (jetée, jetty) verglichen werden kann, der Hafenmole, dazu bestimmt, die Wellen zu brechen und das Wasser für vor Anker liegende Boote und für Schwimmer ruhig und niedrig zu halten." (Derrida, Einige Statements, S. 43f.) [4] Derrida, Einige Statements, S. 9. [5] "Car les théories et les écoles, comme les microbes et les globules, s'entre-dévorent et assurent, par leur lutte, la continuité de la vie." (Marcel Proust, À la recherche du temps perdu II (Sodome et Gomorrhe), édition établie et présentée par Pierre Clarac et André Ferré [Bibliothèque de la Pléiade], Paris: Gallimard 1954, S. 815; zit. n. Pierre Bourdieu, Champ intellectuel et projet créateur, in: Les Temps Modernes, Nr. 246: Problèmes du structuralisme (November 1966), S. 865-906, hier S. 865) -"Aucun système philosophique ne peut mépriser un concept, il faut, c'est sa destinée, qu'il légitime, qu'il place en soi tous les concepts constitutifs des systèmes passés, qu'il leur donne le sens, l'acception qu'ils n'avaient point." (Louis Aragon, Le paysan de Paris, Paris: Gallimard 1984, S. 204f.) [6] Derrida, Einige Statements, S. 54. [7] "Sinon: et moi, et moi, qu'est-ce que je fais dans tout ça?" (Roland Barthes, Le plaisir du texte, Paris: Éditions du Seuil 1973, S. 49) [8] Derrida, Einige Statements, S. 45. [9] Derrida, Einige Statements, S. 30. |